- Bühne der Verborgenheit

Der Bär

Einhornhöhle -  Die Bärenhöhle

Ursus spelaeus

In den Fundinventaren aller Ausgrabungen in der Einhornhöhle überwiegen aus den pleistozänen Schichten eindeutig Knochen- und Zahnfunde von Höhlenbären - das Gut der Einhornsammler. Den Bärenfunden kam schon immer eine besondere Beachtung zu, vor allem der Entwicklung (Evolutionsphasen) und Ausbildung ihrer Zähne. Diese zeigen im Gegensatz zu den Zähnen reiner Raubtiere an, dass diese Bärenart sich im Laufe des Eiszeitalters immer weiter einer ökologischen Nische anpaßte und mit fortlaufender Veränderung ihres Gebisses vom Fleischfresser weg ein fast reiner Pflanzenfresser wurde. Der „Einhornhöhlenbär“ steht hinsichtlich seiner Entwicklung zwischen den primitiven Bären des älteren Eiszeitalters (Ursus etruscus und Ursus deningeri) und dem voll entwickelten Höhlenbären in der Endphase der letzten Eiszeit (Ursus spelaeus),  wie wir ihn vor allem aus Süddeutschland und dem alpinen Raum kennen. Vergleichbares gibt es nur aus wenigen Höhlen.

Zudem müssen wir heute davon ausgehen, dass in den Sedimenten der Einhornhöhle immer noch Zehntausende von Höhlenbären­skeletten der Entdeckung harren. Diese sind aber nicht im anatomischen Zusammenhang einge­bettet. Durch Sedimenfließen und vor allem Raubtierfraß gibt es nicht nur keine vollständigen Skelettpartien, auch nahezu alle Einzelknochen sind zerbrochen oder zernagt.

Der Bär der Einhornhöhle

Knochenfunde von Höhlenbären waren immer schon ein interessantes Forschungsobjekt. Dies vor allem, seit  Rosenmüller 1794  in seiner Dissertation die Bären der Zoolithenhöhle bei Burggailenreuth (Fränkische Schweiz) genau beschrieb. Bereits Rode bezog 1935 Funde aus der Einhornhöhle als Ursus spelaeus var. hercynia  in seine Bären-Monographie  ein, nachdem Favreau, Windhausen und Jacob-Friesen nach ihren Grabungen in der Ein­hornhöhle schon vorab für die zahlreichen Bärenreste den Artnamen Ursus spelaeus angaben und ihn in die Riß-Würm-Zwischeneiszeit einstuften (= ca. - 120.000 Jahre). Bereits in früheren Abhandlungen kam Zweifel an den vermeintlichen Einhorn-Knochen auf  und sie wurden u.a. als Bärenknochen eingestuft, allerdings vom Braunbären.

Die Bären der Einhornhöhle und eine zugehörige "Begleit­fauna" wurden zwischenzeitlich von Schütt (1968) und Sickenberg (1969) als "Ursus deningeri v.Reichenau 1906" in die Cromer-Warmzeit (um - 500.000 Jahre) gestellt. Schütt führte biometrische Messungen an Bären­knochen und -zähnen durch. Das ihr für die Auswertung zur Verfügung stehende museale Material war aber unsortiert in Bezug auf Fundort und Schichtzuordnung. Auch die „zugehörige“ Begleitfauna rekrutierte sie aus den vereinzelten Streufunden früherer Fossilaufsammlungen in verschiedenen Teilen der Höhle.

Eine Zeitstellung der Bären in der Einhornhöhle ins Cromer ist nach heutigem Kenntnisstand auszuschließen. Das Schwergewicht der paläontologischen Untersuchungen der Grabungen  ab der Kampagne 1985/87 lag  vor allem in der Bearbeitung der neuen Höhlenbärenfunde, die überwiegend erstmals aus ungestörten Sedimenten und unter einem stratigra­phischen Bezug (= Zuordnung in unterschiedliche Schichten) geborgen wurden. Die spezifizierte Auswertung des umfangreichen  Bärenmaterials und die Grabungsbefunde ergaben, dass die Bären aus der Einhornhöhle zu verschiedenen Stadien der spelaeoiden Evolutionsstufe der Höhlenbären zuzuordnen sind und dem  Formenkreis des "Ursus spelaeus Rosenmüller & Heinroth 1793" angehören. Th/U-Datierungen der Bärenschichten  zeigen je nach Fundstelle Werte zwischen 40.000 und 170.000 Jahren  b.p. an. Die Datierungen und die bio­metrischen Daten von Bärenknochen aus den verschiedenen Schichten der Höhle zeigen,  dass es Unterschiede im Alter und dem Aussehen bestimmter Knochen und Zähne gibt, es können sich also zeitlich aufeinander folgend verschiedene Unter- oder Übergangsarten hier aufgehalten haben. Diese Datierungs­ergebnisse heben deutlich hervor, über welch lange Zeiträume hinweg die Höhle von Bärenpopulationen  aufgesucht wurde.

Die Begleitfaunen des Höhlenbären setzen sich in der Einhornhöhle deshalb je nach Schichtzugehörigkeit und damit auch geologischem Alter unterschiedlich zusammen. Diese Faunen sprechen gegen eine Einstufung der Einhornhöhlenbären in ältere Stufen des Pleistozäns: In den Bärenschichten konnten neben Durchläufer-Typen bislang nur jungpleistozäne Tierarten nachgewiesen werden, darunter erstmals auch viele Kleinsäuger. Mittelpleistozäne Formen aus der über 500.000 Jahre zurückliegende Cromer-Zeit fehlen bislang völlig. Alle bislang  durchgeführten C14- und  Th/U-Datierungen zeigen für die Bärenschichten Werte zwischen den Zeitstufen Weichsel- bis Saale-Eiszeit an.

Auch insitu-Funde von Bärenknochen unmittelbar unter der heutigen Sedimentoberfläche sprechen - gerade in Relation zu der hohen Sedimentmächtigkeit der Höhle - gegen eine zu alte Einstufung dieser Fossilien.

Zu bedenken ist allerdings, dass allgemein Höhlenfaunen durch verschiedenartige Selektion nur bestimmte Tierarten der jeweiligen Zeitphasen enthalten, das natürliche Artenspektrum somit nicht vollzählig ist.  Zudem ist der über­wiegende Anteil der Bärenknochen und auch der anderen Tiere  innerhalb der Höhle umgelagert und durch Sediment­fließen eingeregelt. Skelettzu­sammen­hänge wurden nirgends beobachtet. Die Bergung von vier Schädeln und einem kompletten Unterkiefer mit allen Zähnen bei dieser Grabungskampagne ist deshalb für Einhornhöhlen-Funde die Ausnahme.

Einhornhöhle: Oberschädel eines Höhlenbären

Die Pflanzenfresser

Die Bären der Einhornhöhle waren schon immer in die Diskussion im Vergleich zu anderen Bärenpopulationen einbezogen worden. Ausgehend von den früheren Fundinventaren überwog zunächst die Einstufung auf einem niedrigen Entwicklungsniveaus der Höhlenbären. Die Auswertung der neuen Funde, hier speziell der Oberschädel, der Unterkiefer und der Zähne,  zeigt allerdings, dass es keinen typischen Einhornhöhlen-Bären gibt. Gerade die metrischen Werte und die Morphologie der Zähne weist eine große Streuung auf. In Bezug auf die Kronenmorphologie konnten neben einfachen etliche höher entwickelte Typen nachgewiesen werden. Neben niedrigen, ursprünglichen (arcoiden = Braunbär-ähnlichen) Entwicklungsstufen sind vor allem bei den Funden aus der Grabung Jacob-Friesen-Gang vermehrt Morphotypen höherer Entwicklungsstufen mit vielhöckriger Kronenausbildung vorhanden.

Die Kronenmorphologie von Zähnen erlaubt eine Aussage über die Kautätigkeit und somit die Eßgewohnheiten des Gebissträgers. Im Laufe ihrer Evolutionsgeschichte kam es zur vermehrten Höckerbildung der Kronen der Vorbacken- und Backenzähne der Höhlenbären. Sie stellten ihre Ernährungsgewohnheiten um auf eine vegetarische Lebensweise. Dies wurde ihnen dann zum Verhängnis: Während der letzten Eiszeit waren fast nur noch kieselsäurehaltige Gräser im Nahrungsangebot. Dies war für „echte“ Vegetarier wie Mammut, Bison und Schneemaus kein Hindernis. Ihre Zähne wuchsen trotz Abrieb immer nach. Beim Höhlenbären mit seinem Gebiss aus Fleischfresserzeiten war dies anders. Die Zähne waren schnell abgekaut bis aufs Zahnfleisch und die Nahrungs­aufnahme wurde immer schwieriger, letztendlich bis zum Verhungern.

 

Höhlenbär Ursus spelaeus,  Zeichnung von W. Reinboth, Walkenried (Repro Archiv GUf e.V.;  Original 2001 verschollen).

                               

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